Geld und Mehr
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 31.08.2003, Nr. 35, S. 39

Geschickt über die Rentenlücke

Die staatliche Rente sinkt. Privat sparen ist unerläßlich. Je früher, desto besser.
Wer seinen Lebensstandard halten will, muß bis zu zehn Prozent vom Gehalt zurücklegen.
VON DYRK SCHERFF

Der Professor hat gesprochen. Bert Rürup und seine Kommission haben vorgerechnet, daß die gesetzlichen Renten durch die zunehmende Alterung der Bevölkerung noch stärker sinken als befürchtet. Im Jahr 2040 würden voraussichtlich nur noch 40 Prozent des Brutto- oder rund 64 Prozent des Nettoeinkommens bezahlt werden. Wissenschaftliche Institute wie das Deutsche Institut für Altersvorsorge (DIA) gehen sogar von nur 58 Prozent netto aus - gegenüber den heutigen 70 Prozent deutlich weniger. Um diese Lücke zu schließen, kommt niemand an privater und betrieblicher Vorsorge vorbei.

Doch obwohl sich alle in dieser Meinung einig sind, tun die Deutschen zuwenig fürs Alter. Nur fünf Millionen haben nach einer im Juni durchgeführten Umfrage des DIA einen staatlich geförderten Vertrag abgeschlossen, weitere fünf Millionen planen das. Das heißt auch: Rund 70 Prozent wollen die staatliche Förderung nicht in Anspruch nehmen. Und dieser Anteil wird sogar noch größer: In diesem Jahr haben schon 300 000 ihren Vorsorgevertrag gekündigt, während nur 200 000 einen neuen abgeschlossen haben. Weil er sich beispielsweise als nicht profitabel oder geeignet herausgestellt hat, begründet das DIA. Am schlimmsten aber: 22 Prozent aller Befragten sorgen nicht einmal ungefördert vor undverlassen sich statt dessen voll auf die staatliche Rente.

Jeder Zeitverzug beim Sparen fürs Alter kostet aber viel Geld. Denn der nicht für die Altersvorsorge investierte Betrag hätte sich in den vielen Jahren bis zum Rentenbeginn gut verzinst. So verliert ein 35jähriger, der jährlich 2000 Euro für das Alter spart, in den 30 Jahren bis zum Rentenbeginn rund 7000 Euro an Zinseinnahmen (Zinssatz: fünf Prozent), wenn er nur ein Jahr später mit dem Sparen beginnt. Wer 4000 Euro zurücklegt, dem gehen entsprechend schon etwa 14.000 Euro verloren.

Wieviel braucht man im Alter? Das DIA empfiehlt, bei der Vorsorge ein Niveau von rund 70 Prozent des letzten Nettoeinkommens anzustreben. "100 Prozent sind für die allermeisten nicht finanzierbar und auch nicht nötig", sagt Institutssprecher Bernd Katzenstein. Wer das doch will, muß zum Beispiel bei einem Rentenbeginn im Jahr 2035 ungefähr dreimal soviel im Jahr zurücklegen wie bei einem Rentenniveau von 70 Prozent. Dies sei ausreichend, weil weniger finanzielle Belastungen auf die Älteren zukämen, begründet Katzenstein. Die Kinder seien lange aus dem Haus, das Häuschen abbezahlt, neue Konsumgüter würden kaum mehr angeschafft, und es werde weniger gereist. Andererseits stiegen die Ausgaben für Pflege und Gesundheit.
Wieviel sparen? Aus dem angestrebten Rentenniveau ergibt sich auch die Höhe der erforderlichen Sparsumme, die nötig ist, um den Rückgang der staatlichen Rente in den kommenden Jahren aufzufangen. Je höher das Einkommen, desto größer muß die Sparleistung sein, weil dann im Alter auch höhere Steuern und Sozialabgaben anfallen. Wer 2045 in Rente geht und ein niedriges Einkommen bezieht, sollte zwei Prozent des Bruttoeinkommens fürs Alter sparen, empfiehlt das DIA und geht dabei von einem schrittweisen Absinken der gesetzlichen Rente auf 58 Prozent aus. Bei hohen Einkommen sollten es schon drei Prozent sein (siehe Tabelle). Nimmt man wie Rürup 64 Prozent Nettorente an, sind die Beträge etwa halb so hoch. Ältere müssen ebenfalls mehr sparen, weil sie weniger Jahre bis zur Rente haben. Und auch Frauen müssen wegen ihrer, statistisch gesehen, vier Jahre längeren Lebenszeit mehr zurücklegen. So sind nach DIA-Berechnungen im Extremfall bis zu zehn Prozent des Bruttoeinkommens für die Vorsorge nötig.

Und dann ist ein Rentenniveau von 70 Prozent nur bei Rentenbeginn erreicht. Da die Löhne weiter steigen, sinkt die prozentuale Höhe. Sollen die Einnahmen der Rentner entprechend mitwachsen, muß der jährliche Sparbeitrag um ein bis zwei Prozentpunkte erhöht werden. Wenn man es sich denn leisten kann. "Man sollte nur soviel sparen, wie man übrig hat. Es gibt viele Fälle, in denen die Raten für die Lebensversicherungen mit dem Dispo-Kredit bezahlt werden. Das ist völlig unsinnig", warnt Edda Castelló von der Verbraucherzentrale Hamburg. Man sollte für Notfälle ein bis zwei Nettogehälter auf dem Girokonto haben und eine Summe von 10.000 Euro für größere Anschaffungen risikolos anlegen. Erst dann dürfe fürs Alter vorgesorgt werden.

Wie investieren? Die private Vorsorge wird seit dem vergangenen Jahr vom Staat mit Zuschüssen gefördert (Riester-Rente). Bei Familien mit Kindern sind sie besonders hoch. Dafür nimmt man einige Restriktionen in Kauf, wie keine einmalige Ausschüttung zu Rentenbeginn und Zahlung aus dem Bruttoeinkommen. Betriebliche Vorsorge ermöglicht größere steuerlich geförderte Sparbeiträge, zum Beispiel durch Umwandlung des Gehalts in Vorsorgeaufwendungen. Und sie ist gewöhnlich kostengünstiger. Dafür muß der Vertrag häufig ruhen, wenn man den Job wechselt. Und man hat weniger Auswahl an Produkten. Die optimale Altersvorsorge gibt es also nicht.

Illustration Bruno Budrovic/Picture Press


Alle Rechte vorbehalten. (c) F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main

Zur Verfügung gestellt von

www.faz-archiv.de.